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[23.07.2010]

Wo Sonne und Mond Hochzeit feiern

Naturmystik in Taiwans beliebtestem Ausflugsziel

Weiche Farbtöne beherrschen die Landschaft: Der Sonne-Mond-See mit Lalu-Insel.

Weiche Farbtöne beherrschen die Landschaft: Der Sonne-Mond-See mit Lalu-Insel.

Ganz in Weiß: Der See ist eine romantische Kulisse, um ein Hochzeitsfoto zu machen.

Ganz in Weiß: Der See ist eine romantische Kulisse, um ein Hochzeitsfoto zu machen.

Posieren für das Familienfoto: Zwei Kinder reiten auf einem steinernen Geschöpf des chinesischen Tierkreiszeichens.	Fotos: Willen

Posieren für das Familienfoto: Zwei Kinder reiten auf einem steinernen Geschöpf des chinesischen Tierkreiszeichens. Fotos: Willen

Gefühlte tausend Zikaden übertönen die zarten Vogelstimmen aus dem dichten, glänzenden Blätterwald. Langsam kuschelt sich die Sonne in ihr jadegrünes Ehebett, ein paar Mücken schwärmen aus, und sachte hüllen Nebelschwaden das satte Grün der Berge in ihr fahles Nachtkleid. Sonnenuntergang am Sonne-Mond-See in der Provinz Nantou mitten in Taiwan, keine hundert Kilometer vom Wendekreis des Krebses entfernt. Hier wohnt die Naturmystik. Vom Dach des Wunwu-Tempels am Nordostufer sieht man feengleiche Nebelschleier aus der schimmernden Wasseroberfläche nach oben schwingen. Sie lagern sich ganz allmählich an die überwucherten Berge, Bambushaine und Betelnusspalmenplantagen ringsherum. Pudrige Sonnenuntergangstöne kontrastieren mit den kräftigeren Farben und dem Gold im Innern des Gebäudes. Hier beten Gläubige konfuzianische und taoistische Gottheiten an – mit Opfergaben, Briefchen, Räucherstäbchen und Verbeugungen. Und die Götter antworten durch die Lage der Orakelhölzchen, die die Gläubigen auf den Boden werfen.

 

Der Sonne-Mond-See ist Taiwans beliebtestes Ausflugsziel und fast ein „Muss“ für Hochzeitspaare. Da stört es nicht, dass die Naturmystik von Menschenhand gestaltet wurde. Seine Größe erhielt der Stausee während der 60-jährigen Besatzung durch Japan vor 1945. Japanische Ingenieure kanalisierten Bäche von den Bergen in zwei ursprünglich deutlich kleinere Seen – der eine der Form nach wie die Sonne in chinesischen Schriftzeichen, der andere wie der Mond. Die Männer stauten die kühlen Seen zu einem auf, um durch das Wasser Elektrizität zu gewinnen und so das täglich Leben zu erleichtern. Diesem Fortschritt fiel ein Großteil der Jagdgründe eines Stammes der südpolynesischen Ureinwohner, der Thao, zum Opfer. Der Rest dieses Gebietes liegt als kleine Lalu-Insel im See. Eine rote Taiwanzeder, eine Skulptur des weißen Hirsches, der die Ureinwohner der Legende zufolge bei der Jagd einst hierher geführt hatte, und eine kleine Steinmauer erinnern an die Vergangenheit.

 

Perlenberg als Ort der letzten Ruhe

 

Die Thao sind der kleinste Stamm der zahlreichen Urkulturen in dem vom Wasser umgebenen Land, das die portugiesischen Seefahrer im 16. Jahrhundert begeistert Ilha Formosa, schöne Insel, nannten. Zusammen machen die Ureinwohner allerdings gerade mal zwei Prozent der Bevölkerung aus. Die Mehrheit sind Han-Chinesen, die im 17. Jahrhundert und in einer zweiten Welle mit dem Mao-Gegenspieler, Chiang Kai Shek, nach 1945 auf die Insel kamen.

 

Was heute als Lalu-Insel in Taiwans größtem Süßwassersee schwimmt, war die Spitze des Perlenberges, auf dem die Thao bis 1938 ihre Toten bestatteten. Sie ist mit schwimmenden Feldern in Form der acht symbolischen Trigramme aus der chinesischen Philosophie umrandet. Die Wurzeln der Pflanzen dienen den Fischen als Kinderstube, allen voran dem Präsidentenfisch, der so heißt, weil Chiang Kai Shek ihn so gerne aß, der hier ab 1949 als erster Präsident der Republik China die Landschaft genoss und zu Ehren seiner Mutter die siebenstöckige Cihen-Pagode bauen ließ.

 

Tagtäglich schwärmen knallbunte Reisebusse, im Innern mit allerlei pastellig-rüschigen Volants und Troddeln geschmückt, aus allen Teilen des bevölkerungsreichen Landes ans Ufer. Ein Bootstrip über den See gehört zu den Höhepunkten, baden darf man aufgrund des hohen Bootsaufkommens hier nur einmal im Jahr, wenn die Boote Fahrverbot haben. Dann tummeln sich Tausende im frischen Nass. Beliebter Bootsstopp ist der Syuanguang-Tempel auf dem Höhenzug, der den Übergang vom Sonne- in den Mondteil markiert. Vor dem Tempel stehen die chinesischen Tierkreiszeichen in Stein wie Spielgeräte. Die Eltern setzen ihre Kinder drauf und zücken die Kamera, ehe sie gemeinsam vor einer Stele mit dem See im Hintergrund posieren. Chinesische Schläue: Wer die Magie der Landschaft nicht in der Seele mit nach Hause tragen kann, hat sie zumindest digital im Gepäck.

 

Man kann den See erwandern oder mit dem Rad vom Nordwestufer aus umrunden. Unweigerlich wird man auf Hochzeitspaare stoßen, die für ein professionelles Erinnerungsfoto vor romantischer Seekulisse posieren. Vorher pudert der Kameraassistent sorgfältig jedes Schweißperlchen ab. Dass ringsherum Autos fahren, um die Ecke die Bauarbeiter graben und unten im See die Wassersportler düsen, wird man ja später auf der Fotographie nicht sehen, die ein Eheleben halten soll. Dass das nächste Paar schon wartet, ebenfalls nicht. Es stört auch nicht, dass gerade dunkle Wolken am Höhenzug aufziehen. Im Gegenteil: Wabernde Wolken und aufsteigende Nebel gehören zur chinesischen Vorstellung von Naturschönheit dazu. Und überhaupt ist es hier normal, dass die Trauung noch gar nicht vollzogen ist, die Frisur nur für den Moment gemacht ist und die Gaderobe durch das Fotostudio gestellt wird. Andere Länder, andere Sitten.

 

Neuerdings bringt eine Seilbahn die Gäste in die Berge, hoch in den acht Kilometer vom See entfernten „Formosan Aborigial Culture Village Themenpark“, wo sie sich über die Ureinwohner informieren. Man kann die letzte der einst berühmten Tonwarenmanufakturen des Nantoubezirks besichtigen, den Syuanzang-Tempel mit der Knochenreliquie des gleichnamigen buddhistischen Mönches besuchen oder ein Kilometer weiter sich oben auf der derzeit eingerüsteten Cihen-Pagode einen Überblick über die bezaubernde subtropische Landschaft verschaffen. Nur eines sollte man nicht verpassen: zum Abendessen in den Garten des „Sun Moon Lake Full House Resorts“ in Yu Chih am Südostufer einzukehren.

 

Stinkfrucht mit Vanille-Duft

 

Die taiwanische Küche ist ohnehin für ihren Variationsreichtum, ihre subtilen Geschmacksnuancen und ihre gute Qualität berühmt, ganz gleich, ob schnelle Dim-Sums aus der Garküche oder ganze Gelage am runden Tisch mit Drehteller. Was jedoch im Garten des idyllischen Bed-and-Breakfast-Hotels serviert wird, ist an Frische kaum zu überbieten ist. Saisonale Gerichte auf der Grundlage der Thao-Küche. Egal ob Fleisch mit Frucht, Fisch und Meeresfrüchte mit Frucht oder Gemüse mit Frucht, stets kommen nur die Sorten auf den Tisch, die gerade reif sind. Und dann duftet selbst eine Stinkfrucht wie Durian köstlich nach Vanille und verträgt sich hervorragend mit Kürbis, oder Pilze in Austernsoße bilden mit Mango eine erdig-mineralig-salzige und süße Symphonie. Karin Willen

 

 

Famoses Formosa

Die Insel Taiwan liegt im Westpazifik vor der Südostküste Chinas etwa 160 Kilometer vom chinesischen Festland entfernt. Sie ist Teil der vulkanischen Inselkette, die sich von Japan bis zu den Philippinen erstreckt. Im Ostteil der Insel stoßen die eurasische und die philippinische Platte aneinander, was zu Erdbeben führen kann.
Die Insel gilt als eines der sichersten Reiseziele. Offizielle Sprache ist Mandarin, man kann sich aber gut auf Englisch verständigen. Die Flugzeit beträgt rund 13 Stunden.
Der Besuch des Sonne-Mond-Sees ist Bestandteil der Rundreise „Höhepunkte Taiwans“ bei Dertour.
Weiter Informationen gibt es beim „Taipei Tourism Office“ unter: www.taiwantourismus.de

 

 




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