Leben und Untergang
Der Gründer des Château Laurier in Ottawa, vor 100 Jahren beim Untergang der Titanic ertrunken, wird noch einmal lebendig

Überragend in der kanadischen Hauptstadt Ottawa: das Parlamentsgebäude (Mitte) und das Château Laurier (links). In dem jetzt 100 Jahre alten Schlosshotel fesseln zwei Bilder jeden Besucher: das Porträt von Hays und das der „mächtigen“ Titanic. Fotos: Lange


Luxus wie vor 100 Jahren: Marmorböden und Sofas aus Plüsch erinnern an die Zeit der Gründung des Hotels Château Laurier.
Der 26. April 1912 wäre ein großer Tag für ihn geworden. Einer von vielen großen Tagen, die es im Leben des Amerikaners schon gegeben hatte. In den Jahrzehnten zuvor hatte Charles Melville Hays, General Manager des Grand Trunk Pacific Railway den Osten Kanadas, Ontario und Quebec, aber auch die angrenzenden Staaten der USA mit einem Eisenbahnnetz versorgt. Er war mit seinem Unternehmen bis nach British Columbia und Alberta vorgedrungen, und er hatte Kanadas wichtigste Metropolen Montréal und Toronto miteinander verbunden, mit Zwischenstopp in Ottawa, der Hauptstadt des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Welt.
Es war bereits im Jahr 1909, die Grand Trunk Railway war gerade dabei, den Hauptbahnhof von Ottawa zu planen, als der Unternehmer aus Illinois noch ein Bauprojekt für die Stadt in Auftrag gab: das „Château Laurier“, ein Luxushotel. Es sollte so groß und imposant wie ein Schloss sein, benannt nach dem damaligen Premierminister Sir Wilfried Laurier, der den Bau trotz vieler Widrigkeiten ermöglicht hatte. Die Eröffnung des Château Laurier in Ottawa war für besagten 26. April 1912 vorgesehen. Hays war Anfang des Monats nach Europa gereist, um dort exklusive Möbel für den Speisesaal seines Hauptstadthotels zu suchen.
Die fand er auch, und so trat er am 10. April in Southhampton die Rückfahrt an, um rechtzeitig zur Hoteleinweihung zurück zu sein. Doch er fehlte auf der Feier. Er hatte seine Atlantikpassage auf der Titanic gebucht. Der Passagierdampfer, der als unsinkbar galt, kollidierte am 14. April kurz vor Mitternacht mit einem Eisberg. Hays war einer der rund 1500 Passagiere, die den Untergang nicht überlebten.
Seit 100 Jahren thront nun dieses Schlosshotel, das heute zur Fairmont-Gruppe gehört, neben dem Regierungsgebäude auf dem Parlamentshügel über Ottawa und überblickt den mächtigen Sankt-Lorenz-Strom. Ein hellgraues Kalkstein-Gebäude mit kupfernen Türmchen. Der einzige Bau in Ottawa, der im Stil einem Loire-Schloss in Frankreich gleicht. Es hat in all den Jahren nichts von seinem Charme eingebüßt. Noch immer läuft man über helle Marmorböden und sitzt in plüschigen Sesseln im Foyer. Die schwungvolle Treppe ziert ein blank geputztes Messinggeländer. Das „Entrée Gold“- Stockwerk hat seinen eigenen Concierge mit privatem Check-in und eine Lounge. Harry Belafonte, Marlene Dietrich, Bryan Adams, Nelson Mandela und Carrie Fisher sind nur einige berühmte Persönlichkeiten, die hier übernachteten. Familien und Paare nutzen das Hotel für einen Wochenendausflug. Sie wohnen in stilvoll eingerichteten Gästezimmern mit dunklen Holzmöbeln und schlafen in ungewöhnlich großen Betten. Vor den Fenstern hängen schwere Samtvorhänge. Bis heute gibt es eine hundert Jahre alte Geschichte, die eine Galerie im Haus dokumentiert.
Fotos zeigen die kleine Holzfällersiedlung, schuftende Arbeiter an Schienen und das Hotel im Rohbau. Zwei Fotos fesseln jeden Besucher: das Porträt von Hays und das der Titanic. Noch immer trotzt sie kraftvoll dem Meer, so wie es sich die Erbauer vorgestellt hatten. Massen von Büchern und Filmen haben versucht, den Glanz des Luxusdampfers und den Horror seines Endes zum Leben zu erwecken. Der Titan war damals schließlich das Stärkste und Spektakulärste, was die Menschheit den Naturgewalten entgegenzusetzen hatte.
Das Foto daneben zeigt einen entschlossenen Unternehmer. Die große Zukunft für Kanada, das wollte er. In den Köpfen wird der Mythos Titanic unsterblich bleiben. „Noch heute kommen Gäste zu uns und fragen, wo denn die Möbel stehen, die Hays aus Paris mitgebracht hat“, erzählt Deneen Perrin, Pressesprecherin des Hotels. Stühle, Tische und Besteck von dem untergegangenen Schiff wird man im Hotel freilich nicht finden. Das alles liegt gemeinsam mit dem Wrack auf dem Grund des Atlantiks. Im Teesalon stehen noch Lampen und Stühle, die Hays damals vor seiner Abfahrt ausgesucht hatte.
Ottawa heute: hell, aufgeräumt, gut gelaunt
Dieses Jahr wird am 12. Juni der 100. Geburtstag des Schlosses gefeiert. Die Hundertjährige wird geehrt, wie es sich der Gründer Hays gewünscht hätte. Überhaupt würde er heute über Ottawa und seine Umgebung staunen. Eine lichte, aufgeräumte, gut gelaunte Stadt, in der heute nichts mehr daran erinnert, dass sie im frühen 19. Jahrhundert nicht viel mehr war als eine kleine Siedlung aus Holzhäusern. Viele der europäischen Einwanderer fanden während des Goldfiebers eine neue Heimat. Als Königin Victoria 1857 eine Hauptstadt bestimmen sollte, überlegte sie nicht lange und entschied sich für die kleine, unpopuläre Stadt Ottawa. Diese lag im Osten des Kontinents, am Ottawa River, zwischen den Rivalen Toronto und Montreal, genau an der Grenze des englisch- und des französischsprachigen Teils der Provinz Kanada. Aus taktischen Gründen erwählte die Kolonialherrin sie zur Hauptstadt.
Ottawa wurde als Kompromiss betrachtet, gern belächelt, oft geschmäht. Vielen Kanadiern war ihre Hauptstadt lange peinlich. Jetzt geht Ottawa gelassen damit um. Ottawa ist Regierungssitz, Hightech-Boomtown und die einzige wirklich zweisprachige Großstadt in Kanada. Sie hat zwei Universitäten, einige Ausgehmeilen und ein großes kulturelles Angebot. Jedes Jahr kommen 7,4 Millionen Besucher. Jene schlendern durch den Byward Market mit seinen Obst- und Schmuckständen, den Boutiquen, Designer- und Delikatessenläden, den 120 Cafés und Restaurants. Sie strömen in die 29 nationalen und lokalen Museen oder besuchen das neogotische Parlamentsgebäude. Dort werden täglich kostenlose Führungen angeboten.
Die Arbeit Ottawas ist allein das Regieren der Nation. Britische Traditionen, wie der zeremonielle Wachwechsel der Garde vor dem Parlament, werden als beliebtes Touristenspektakel beibehalten. Die leichtere französische Lebensart, die aus Québec über den Ottawa River schwappt, hat die einst steife und langweilige Hauptstadt in eine weitläufige, lebensfrohe Metropole verwandelt. In den zahlreichen Parks am Rideau Canal, der sich wie eine blumenumkränzte Gracht mitten durch die Innenstadt zieht, sind Spaziergänger und Fahrradfahrer unterwegs. Bei klarer Sicht erklimmen Gäste und Einwohner Big Bens kleinen Bruder, den Peace Tower, der eine spektakuläre 360-Grad-Aussicht bietet.
Sie feuern die Ottawa Senators bei einem Eishockeyspiel an oder besuchen eines der zahlreichen Festivals, die das ganze Jahr über stattfinden: das Tulpenfest im Mai, das Bluesfest im Juli, das Kammermusikfestival im August, „Christmas Lights Across Canada“ im Dezember oder „Winterlude“ im Februar.
Verlässt man Ottawa Richtung Osten und begibt sich auf eine Rundreise durch eine Landschaft, die kanadischer nicht sein könnte, versteht man den Namen der Provinz Ontario. Er stammt aus der Iroquois-Sprache und bedeutet so viel wie „Glitzerndes Wasser“. Ontario hat rund 250.000 Seen und 60.000 Flüsse. An ihnen vorbei führen endlose Landstraßen durch unberührte Natur, immer wieder unterbrochen von kleinen Dörfern, die aussehen, als seien ihre Bewohner mit nichts anderem beschäftigt, als permanent ihre Häuser und Gärten herauszuputzen. Die Hausnummern an den Türen gehen mancherorts ins Fünfstellige, weil die Straßen nicht enden wollen, sondern immer weiter in die Einsamkeit führen. So ähnlich muss es gewesen sein, als damals die Goldwäscher in Kanada ankamen.
Heidrun Lange
Informationen
Ontario Tourism
www.ontariotravel.net/de
Tel. (089) 6 89 06 38 38 (für Broschürenbestellung und Informationen)
Hauptstadt Ottawa:
http://www.ottawatourism.ca
Anreise:
Air Canada: Direktflug Frankfurt – Ottawa, ab 439 Euro (www.aircanada.com)